Der Nebelschleier zwischen den inneren Welten

Ich schreibe hier über die Themen Sucht und sexualisierte Gewalt in der Kindheit. Die Inhalte können belastend sein. Bitte achte gut auf dich, während du liest.

Ich bin in einem Suchthaushalt aufgewachsen, in einem sogenannten dysfunktionalen Umfeld. Wie für viele andere hat es für mich bedeutet, in zwei Welten zu leben. In der Realität, in der die Sucht omnipräsent, einschneidend, bedrohlich ist, und gleichzeitig in diesem Gedankenkonstrukt der „heilen Welt“. Außerhalb und teilweise innerhalb der Familie durfte ich nicht über mein Erleben, meine Sorgen und Ängste sprechen. Ich funktionierte nach außen und spielte die Rolle, die mir zugedacht wurde. Nach und nach lernte ich, mein Erleben zu verdrängen, zu verschleiern, zu funktionieren.

Ich möchte mit dir zusammen diesen Schleier erkunden. Dich mitnehmen auf meinem Forschungsweg.

Zwei Welten, zwei Farben

Ich fühle mich Menschen sehr verbunden, die zwischen verschiedenen Kulturen aufgewachsen sind. Ich weiß nicht, wie sie empfinden, ich kann hier nur mein Erleben teilen: Ich spüre im Kontakt oft eine innere Teilung.

Die Kultur der Eltern, der Familie, die ganze Weltanschauung, der ganze Seinszustand auf der einen Seite ist z. B. türkisch. Doch die Welt „da draußen“, ist eben z.B. deutsch. Es ist, als würden die einen einem erzählen, wir leben in Rot-Welt, und die anderen leben in Gelb-Welt. Beide Welten sind in sich geschlossen, klar, eindeutig für die jeweiligen Bewohner. Für die Kinder muss diese Unterscheidung sehr verunsichernd sein. Sie passen sich an: hier rot, dort gelb. Vielleicht lernen sie auch, sich je nach Kontext anders zu verhalten, ihr Wesen zu verschleiern, sich zu zerreißen.

Ein Raum für das ganze Sein

Beim Austausch mit einer sehr guten Freundin wurde mir klar: Sie ist weder rot noch gelb. Sie ist beides – ein wunderschön feuriges Orange. Und es tut gut, das zu spüren. Sie muss sich nicht mehr entscheiden, nicht mehr hier die eine Rolle spielen und dort eine andere. Sie hat andere „orange“ Menschen gefunden. Eine Gemeinschaft, in der sie ihre ganz persönliche Mischung der beiden Welten zeigen darf. Sie muss sich nicht mehr verstellen, sie darf orange sein – oder so bunt, wie sie möchte.

Für mich ist dieser Raum in Suchtselbsthilfegruppen entstanden. Hier konnte ich endlich auch die verdrängte Seite von mir befreien und diesen anderen Anteil besprechbar machen. Ich konnte über mein Leid, meine Verwirrung, die Invalidierung meiner Gefühle, Gedanken und Empfindungen sprechen. Dieser Teil durfte endlich wahrgenommen werden. Dort konnte ich mich mit anderen austauschen, die ähnliches durchgemacht haben. Hier konnten wir uns gegenseitig Verständnis und Halt schenken. Uns mit all diesen versteckten Anteilen zeigen.

Wie der Schleier entsteht

Ein erstes wirkliches Verständnis dieses „Schleiers“ wurde mir durch einen Bericht über Karnismus1 geschenkt, den die Sozialpsychologin und vegane Aktivistin Melanie Joy geprägt hat. Dabei geht es darum, dass wir Trennen zwischen Tieren, die wir lieben und umsorgen und denjenigen, deren Leid wir oft unbewusst hinnehmen.

Für mich wurde beim Lesen damals deutlich, dass ich schon als kleines Kind Tiere geliebt habe und eine Klarheit in mir trug, dass man keinem Lebewesen bewusst Schaden zufügen soll. Ich rettete Regenwürmer und Bienen, fütterte Elefanten und beobachtete die Hasen meiner Verwandten.

Als ich erfuhr, dass das süße Kälbchen vom Bauern zu meiner geliebten Kalbsleberwurst werden könnte, habe ich mich entschieden, sie nicht mehr zu essen. Doch ohne Unterstützung und Alternativen trennte mein Kopf bald die Wurst auf meinem Brot wieder vom süßen Kälbchen. Es entstand der von Melanie Joy beschriebene „Schleier“. Es musste okay sein, dieses mir unbekannte Kälbchen zu essen, denn es war das einzig mir Mögliche.

Der Moment, in dem sich etwas lichtet

Ich weiß genau, wann sich dieser Schleier in Bezug auf die Sucht in meinem Elternhaus bei mir gelüftet hat. Es gibt ein von mir getrenntes „davor“ und ein mehr verbundenes „danach“.

Es geschah jahrzehnte nachdem ich zuhause ausgezogen war. In einem leeren Büro erwähnte eine junge Kollegin während eines Gesprächs beiläufig, dass ihr Vater suchtkrank war. Ich kann den sich lüftenden Schleier immer noch spüren. Sie ermöglichte mir in diesem beruflichen Kontext – der so sinnbildlich für das Verstecken der Realität war – zu erkennen, dass ich diese andere Seite in mir trage: das durch Sucht verletzte Kind. Dass es möglich ist, diese innere Wahrheit auch außerhalb des familiären Kontexts auszusprechen – offen, ehrlich und ohne Scham.

Der tiefe Schmerz hinter dem Schleier

Meine tiefe Verbundenheit gilt ebenfalls den Menschen, die in ihrer Kindheit sexualisierte Gewalt erfahren haben. Auch hier kann ich gemeinsam mit Betroffenen diese zwei Welten erkunden: das körperlich Erlebte, das Leid, die Angst – und die konstruierte Fasade, die durch jene entsteht, die verheimlichen, verschweigen und verstecken wollen. Es ist die vermeintlich „heile Welt“, in der Kinder das, was sie am eigenen Leib erfahren, oft über Jahre hinweg vor anderen und auch vor sich selbst verbergen.

Es ist nicht nur für die Betroffenen schmerzhaft, hinter den Schleier zu blicken. Die Fassade wird oft von vielen mitgetragen, die – bewusst oder unbewusst – am Erhalt des Verdrängens und Vergessens mitwirken. Es braucht Mut und Begleitung, um diesen Weg der Enthüllung zu gehen.

Das Durchdringen des Nebels

Es berührt mich sehr, mit anderen über ihre Schleier zu sprechen und sie zu begleiten. Ich spüre, dass ich noch viele solcher Schleier in mir trage. Da sind abgetrennte innere Anteile, Gefühle, die sich nicht zeigen dürfen, und vermutlich noch viel mehr Verborgenes.

Ich gehe meinen Weg zu mir, um mich zu erkunden und diese Nebelschleier zu durchdringen. Ich weiß jetzt, dass sie da sind, und ich weiß, wie schwer es ist, ihnen auf die Schliche zu kommen. Ich weiß, wie schmerzhaft es ist, das Konstrukt der „heilen Welt“ aufzugeben. Wie unangenehm es für das Umfeld sein kann. Und gleichzeitig fühlt es sich befreiend und wundervoll an, diese Schleier zu erkennen, sich zu öffnen für das ganze Bild. Es tut so gut diese inneren Anteile wieder zusammenzufügen und sie ebenbürdig ins Bewusstsein zu bringen.

Das ist für mich der Weg der Heilung: Sich der inneren Trennung bewusst zu werden. Dem Raum zu geben, was verborgen liegt. Es auszusprechen, darin endlich gehört und verstanden zu werden.

Ich freue mich darüber, wie schön es ist, diesen Weg mit anderen gemeinsam zu gehen. Danke, dass du mich heute begleitet hast.


Kennst du das Gefühl, nach außen zu funktionieren, während innen etwas ganz anderes lebt?

Welche Teile deiner eigenen erlebten Realität durften (oder dürfen) nicht sichtbar sein?

Gibt es Räume, in denen dein ganzes Sein Platz haben darf?

Was passiert in dir, wenn etwas nicht ausgesprochen werden darf?


💝 Herzliche Grüße

Deine Wendy

  1. https://carnism.org/carnism/ ↩︎


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